
Ensuite, November 2025
Von François Lilienfeld
In der Schallplattengeschichte gab es gelegentlich Projekte, welche unter einem bestimmten Motto Sammlungen hervorbrachten, die man als Sternstunden bezeichnen kann und die kaum je aus den Katalogen verschwanden. Dabei durchliefen ältere Projekte verschiedene «Tonträger-Existenzen»: Schellack, LP, Musikkassette, CD …
Um nur einige besonders markante Beispiele zu erwähnen: die Mozart-Da-Ponte-Opern, in den 1930er-Jahren in Glyndebourne aufgenommen mit Fritz Busch als Dirigenten und Carl Ebert als Regisseur; die Beethoven-Streichquartette mit dem Quartetto Italiano; die Gesamtaufnahme der Haydn-Symphonien mit der Philharmonia Hungarica unter Antal Dorati; die Brahms-Orchestetwerke, dirigiert von Sir Adrian Boult; die Beethoven-Symphonien mit dem Radio-Symphonieorchester Saarbrücken und Stanislaw Skrowaczewski, Beethovens Klavierwerke mit Arthur Schnabel …
Ein neues derartiges Projekt, das wohl in die Geschichte eingehen wird, ist derzeit im Entstehen, dank der Schweizer Orpheum-Stiftung zur Förderung junger Solisten. Es nennt sich «Next Generation Mozart», wird vom Label alpha herausgegeben und hat zum Ziel, sämtliche Mozart-Werke für Solo (oder Soli) und Orchester zu veröffentlichen, und zwar mit jungen, besonders talentierten Künstlerinnen und Künstlern. Im Rahmen dieses ambitionierten Vorhabens sind bisher zwölf CDs erschienen, die Reihe wird natürlich fortgesetzt.
Mozart bietet seinen Interpretinnen und Interpreten einerseits eine besondere Herausforderung: Seine Musiksprache verlangt zusätzlich zu den selbstverständlichen technischen Voraussetzungen ein selbstloses Einleben in eine Welt der Schönheit und der Unschuld im weitesten Sinne, die auch in den tragischen Momenten nie verlassen wird. Äussere Virtuosität hat darin keinen Platz, Mogeln ist unmöglich. Andererseits aber hat die Spontaneität dieses Komponisten gerade für Jugendliche einen besonderen Reiz, sie entspricht der Lebenswelt dieser Altersstufe wie kaum eine andere. In dem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Louis Persinger einem frühbegabten Schüler das Beethoven-Konzert erst erlaubte, nachdem dieser Mozarts A-Dur-Konzert studiert hatte; der Schüler hiess Yehudi Menuhin …
Das heisst nun beileibe nicht, dass es leicht (im Sinne von «facile») sei, den Werken von Wolfgang Amadé gerecht zu werden, im Gegenteil! Doch treffen hier zwei wesensverwandte Welten aufeinander, und wie fruchtbar dieses Treffen sein kann, erlebt man staunend und ergriffen beim Anhören dieser CDs.
Wichtige Stützen für das Projekt sind das Mozarteum-Orchester Salzburg und das ORF-Symphonieorchester Wien. Den Grossteil der Aufnahmen dirigiert Howard Griffith, der ein hervorragender Mozart-Kenner ist und ein besonderes Gefühl für die Arbeit mit Jugendlichen besitzt. Besonders erfreulich ist die Transparenz der Orchesterpartien, die es möglich macht, oft «untergegangene» Details der Instrumentation und vernachlässigte Nebenstimmen zu hören – dafür ist wohl auch der Tontechnik Dank abzustatten.
Natürlich ist es im Rahmen dieses Artikels nicht möglich, auf alle CDs im Detail einzugehen, und wenn jemand hier nicht erwähnt wird, soll dies nicht als «schlechte Kritik» missverstanden werden. Spätere CDs werden wir beim Erscheinen besprechen können. Hier seien nur einige besonders markante Elemente des Projektes erwähnt. Da wären z. B. der berückende Flötenton von Joséphine Olech (CD 3), das delikate Klavierspiel von Jeneba Kanneh-Mason (CD 3) – die aus einer der erstaunlichsten Musikerfamilien unsere Zeit stammt – oder die hochoriginelle Kadenz von Gabriel Pidoux im dritten Satz des Oboenkonzertes (CD 6).
Besonders erwähnenswert ist die CD 4, mit zwei stark kontrastierenden Klavierkonzerten: A-Dur, KV 488, und c-Moll, KV 491. Dem Solisten Julian Trevelyan gelingt es auf meisterhafte Art, die sehr unterschiedlichen emotionalen Aspekte dieser zwei Stücke zum Ausdruck zu bringen, mit Feinfühligkeit und einem besonderen Sinn für dynamische Nuancen. Im 1. Satz spielt er die hochvirtuose Kadenz von Johann Nepomuk Hummel, einem Schüler Mozarts. Trevelyans Vielseitigkeit zeigt sich nicht nur in diesen Interpretationen: Neben seiner Tätigkeit als Pianist singt er und spielt Geige und Bratsche; ausserdem besitzt er ein Geologie-Diplom der Oxford University!
Die zwei Konzerte werden überzeugend und mit viel Sinn für Dramatik von Christian Zacharias dirigiert, selber ein bedeutender Mozart-Interpret am Klavier. Er war lange Jahre Chefdirigent des Orchestre de Chambre de Lausanne. Weitere pianistische Höhepunkte bieten die Aufnahmen mit Teo Gheorgiu (CD 11) und Claire Huangci (CD 5).
Eine Entdeckung sind auch die Schwestern Aya und Risa Sakamoto im Konzert für zwei Klaviere und Orchester, KV 365 (CD 10). Besonders reizvoll ist die Tatsache, dass sie trotz (oder wegen!) ihrer unterschiedlichen Anschlagsart ein perfektes Duo bilden – Einheit im Kontrast.
Wir freuen uns auf die kommenden CDs!
Ensuite, November 2025